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Lebensentwürfe

Gespeichert von ws am/um 29. Januar 2013 - 10:05

SCHLEI-BOTE
 
Kappeln
Lebensentwürfe als Inspiration
26. Januar 2013 | 00:10 Uhr | Von rn
Die Elft- und Zwölftklässler hörten nicht nur aufmerksam zu. Sie diskutierten auch durchaus kontrovers und offen mit dem Quintett, das vor ihnen saß.

Fotos: Nordmann

In der Podiumsdiskussion in der Klaus-Harms-Schule zum Thema "Wie will ich leben? Es geht auch anders!" hörten die Schüler fünf Lebensgeschichten und zeigten sich beeindruckt.

Es ging um nicht viel weniger als die existenzielle und vor allem sehr persönliche Frage, was dem einzelnen Menschen in seinem Leben wichtig ist. Die Elft- und Zwölftklässler der Klaus-Harms-Schule mögen darauf noch keine vollständige Antwort geben können. Wie die aber lauten kann, haben sie in dieser Woche von fünf Menschen erfahren, deren Prioritäten durchaus anders ausfallen, als die der meisten. "Wie will ich leben? Es geht auch anders!" lautete daher das Leitmotiv, das der Podiumsdiskussion in der Aula des Gymnasiums vorangestellt worden war. Ein Arbeitskreis aus Vertretern der Schule und des Kirchenkreises hatte den Vormittag organisiert.
Zu dem Quintett, das den Schülern gegenüber saß, gehörten Sönke Thiesen, Betreiber des Biohofes Spannbrück, Balozi Mruttu, Pastor aus Kenia, Umweltaktivistin Hanna Poddig, Internist Dr. Michael von Hobe und Susanne Jensen, Pastorin aus Owschlag. Und die Gymnasiasten hörten zunächst äußerst individuelle Lebensgeschichten. Etwa die der 27-jährigen Hanna Poddig, die für ihre Überzeugung auch schon mal die Schule schwänzte, am Tag zuvor noch bei einer Baumbesetzung in Berlin dabei war und ihren Rucksack ihr Zuhause nannte. Oder die des Biobauern Sönke Thiesen, der lange Jahre konventionelle Landwirtschaft betrieb, ehe er den Mut fand, seinen Hof nach ökologischen Gesichtspunkten auszurichten. Oder die des hausärztlichen Internisten Michael von Hobe, der in den kolumbianischen Slums gearbeitet hat, davon sprach, dass er Menschen an Leib und Seele behandle und zu helfen "ein Geschenk per se" sei.
Nach der kurzen Vorstellungsrunde der fünf Protagonisten waren die Schüler gefordert. Und eine der ersten Fragen verlangte gleich eine kleine Offenbarung, als das Podium aufgefordert wurde, konkrete Ziele des jeweiligen Tuns zu nennen. Für Susanne Jensen gab es nur eine klare Antwort. "Mehr Rechte für Missbrauchsüberlebende", sagte die Pastorin. Sie hatte ihren jungen Zuhörern zuvor kurz, aber eindringlich ihre eigene "sehr dreckige" Kindheit und Jugend geschildert, eine Zeit, in der Jensen nach eigenen Worten sexuelle Gewalt erfahren und bis heute schmerzende Schäden an der Seele zurückbehalten habe. Erfahrungen, die ihr heutiges Tun intensiv prägen. Auch deshalb gab sie den Schülern gleich eine Botschaft mit auf den Weg: "Es ist entscheidend bei der Berufswahl, herauszufinden, wofür das Herz brennt." Dass das Leben dabei nicht frei von Frustphasen ist, machte Hanna Poddig deutlich. "Aber auch diese Momente sind wichtig", so die Aktivistin, "weil sie Zeit geben zum Reflektieren". Und Michael von Hobe appellierte an das Plenum, ehrlich zu bleiben - auch sich selbst gegenüber.
Als die Schüler wissen wollten, ob es im Leben des Quintetts auf der Bühne so etwas wie einen Wendepunkt gegeben, der den weiteren Lebensweg entscheidend beeinflusst habe, wusste Pastor Balozi Mruttu zu beeindrucken. Demnach hätten sich seine Eltern für ihn den Arztberuf gewünscht, er selber habe zunächst lieber Banker werden wollen. Als er aber erlebte, dass weder Arzt noch Banker, sondern nur der Pastor seine schwerkranke Tante zum Lächeln bringen konnte, sei für ihn der Weg klar gewesen. "Wenn ich Menschen zum Lächeln bringe, bin ich der glücklichste Mensch auf der Welt", sagte der Pastor.
Bei Sönke Thiesen war der Weg zur Bio-Landwirtschaft derweil eher eine Entwicklung als ein einzelner Moment. "Mit 18, 19 war klar, dass ich entweder aufhöre mit der Landwirtschaft oder den Hof umstelle", sagte Thiesen. Das tat er dann allerdings erst im Alter von 32 Jahren - "und das habe ich tatsächlich als einen Neuanfang erlebt". So etwas gab es wohl auch in Susanne Jensens Leben, als sie zum ersten Mal die Gewalt, der sie als Kind ausgesetzt war, laut aussprach. Und gleich noch ein zweites Mal, als sie sich entschied, mit kahl geschorenem Kopf und Hundehalsband ihren Pastorenjob auszuüben. "Ich habe meinen Posten riskiert", sagte sie rückblickend. Und: "Freiheit ist für mich ein religiöser Begriff. Denn mein Gott wird mich am Ende meines Lebens nicht fragen, weshalb ich nicht Superman geworden bin, sondern weshalb ich nicht ich selbst geworden bin."
Worte, die der 16-jährige Gymnasiast Lucas Schmidt hinterher "sehr bewegend" nannte und die ihn hätten erkennen lassen, "dass selbst aus schlimmen Situationen etwas Gutes wachsen kann". Sein persönliches Fazit nach gut zwei Stunden Diskussion: "Es kann eben länger dauern, ehe man herausgefunden hat, was einem wichtig ist, und nicht gleich nach dem Abi. Vielleicht muss ich mich dort auch erstmal hinarbeiten."
So verschieden die Lebensentwürfe der fünf Protagonisten waren, als so inspirierend hat sie offenbar die Masse der Zuhörer empfunden. Deutlichstes Zeichen: der immer wieder einsetzende Zwischenapplaus. Für eine potenzielle Wiederholung der Veranstaltung wurde ein Diskutant mit einer eher gegenläufigen Weltanschauung gewünscht - ein Signal dafür, dass die Schüler bereit sind, ihre eigenen Ansichten zu hinterfragen. Fürs Erste ist mehr als deutlich geworden, dass ein Leben ein wenig abseits der Norm nicht nur funktioniert, sondern im besten Falle sogar glücklich macht.

Artikel: Nordmann